Seit dem Wochenende zuvor stand fest, dass unser Dreitagestrip zum HSG-Auswärtsspiel im französischen Chambray-les-Tours am 14. Februar zugleich auch die Saisonabschlussfahrt dieser European League-Spielzeit sein würde. Davon ließen wir fünf uns aber ebenso wenig abschrecken wie von der mit insgesamt 2.050 km längsten jemals von uns mit dem Bulli zurückgelegten Fahrtstrecke: Schon sehr früh am Freitagmorgen brachen wir in Blomberg über Frankfurt, Kaiserslautern und Metz nach Tours auf.
Diese Strecke ist zwar etwas länger als die direkte Route über Paris, aber den Freitagsverkehr rund um die französische Hauptstadt wollten wir uns lieber nicht antun. Bis auf eine rund einstündige Vollsperrung nach einem Unfall bei Frankfurt kamen wir sehr gut durch – die Autobahnen in Frankreich kosten zwar ein kleines Vermögen an Mautgebühren, sind dafür aber auch sehr gut ausgebaut und relativ wenig befahren. Beim letzten Tageslicht erreichten wir Tours. Inzwischen hatten wir herausgefunden, dass wir fast im selben Hotel wie das HSG-Team wohnten: „Fast“, weil es im Vorort Chambray-les-Tours gleich drei Ibis-Hotels an ein- und derselben Adresse gibt – ein „Ibis Styles“, in dem die Mannschaft logierte, ein „normales Ibis“ und ein „Ibis Budget“ (=Holzklasse), in dem wir uns eingebucht hatten.

Alles etwas verwirrend, aber zumindest zum Barbereich des „Ibis Styles“ hatten die Gäste aller drei Hotels Zugang. Nach Bezug unserer Zimmer machten wir uns noch einmal auf und fuhren zum Abendessen in die Innenstadt von Tours. In den Altstadtstraßen reihen sich kleine Restaurants, Bistros, Cafés und Bars in unglaublicher Menge und Vielfalt aneinander, und wir staunten über die Menschenmassen, die dort an diesem kalten und regnerischen Freitagabend im Winter unterwegs waren. Zum Glück hatten wir im „Dagobert“, einem von außen unscheinbaren, aber innen urig und mit unglaublich viel Liebe zum Detail eingerichteten Restaurant, vorab einen Tisch reserviert.

Nach der langen Anreise freuten wir uns alle auf ein exquisites Mehrgangmenü – und wir wurden nicht enttäuscht: „Dagobert“ nimmt zu Recht einen der vorderen Plätze im Tripadvisor-Ranking der Restaurants in Tours ein und war Leen auch von der „einheimischen Bevölkerung“, nämlich dem Team aus Chambray, nach dem Hinspiel in Lemgo empfohlen worden. Anschließend fuhren wir zurück in unser Hotel und passierten dabei ein weiteres Mal den Glücksspielautomaten (= Mautstation) an der Autobahnabfahrt, der diesmal zur Abwechslung auf Zwei-Euro-Münzen reagierte. An der Hotelbar schafften wir es gerade noch, uns vor Dienstschluss eine Flasche Rotwein zu sichern. Unser Dank gilt dem edlen Spender!
Am Samstagmorgen kehrten wir nach dem Frühstück in die Innenstadt von Tours zurück, um uns einige der Sehenswürdigkeiten bei Tageslicht anzuschauen. Da aktuell wegen Hochwasser alle Parkplätze am Loire-Ufer gesperrt waren, stellten wir unser Fahrzeug auf der Nordseite des Flusses ab und überquerten die Loire auf der Fußgänger-Hängebrücke von Saint-Symphorien.

Die führt direkt zum wuchtigen Schloss aus dem 11. Jahrhundert, das heute als Ausstellungszentrum genutzt wird.

Richtung Altstadt kreuzten wir die aktuell einzige Straßenbahnlinie von Tours, die knapp 15 km in Nord-Süd-Richtung einmal quer durch die Stadt führt und auf zwei Kilometern im Innenstadtbereich eine Besonderheit zu bieten hat: Um das historische Stadtbild nicht durch Masten und Oberleitungen zu stören, kommt der Fahrstrom auf diesem Abschnitt aus einer dritten, in den Fahrweg eingelassenen Schiene – wie das Foto zeigt:

Auf dem kleinen „Place du Grand Marché“ steht seit November 2004 das moderne Kunstwerk „Le Monstre“ (Französisch kann so einfach sein …) und inspiriert seitdem Horden von Touristen aus aller Welt zu mehr oder weniger seltsamen Fotos:

Ein paar Ecken weiter kommt man zum schönsten Platz von Tours: Der „Place Plumereau“ mit seinen wunderbaren alten Fachwerkhäusern ist so etwas wie das Herz der Altstadt – und im Sommer sicherlich noch einladender als im Februar.

Als nächstes besuchten wir den Wochenmarkt neben der Markthalle, wo Bauern aus der Region unter anderem Gemüse, Obst, Honig und Käse anboten. Käse stand ganz oben auf Leens Einkaufszettel, und gleich einer der ersten Marktstände hatte genau das, was er suchte. Anfangs war er dort der einzige Kunde, aber seine umfangreichen Einkäufe wirkten derart verkaufsfördernd, dass die Schlange hinter ihm länger und länger wurde. Zur genauen Höhe seiner Provision wollte sich Leen später nicht äußern. Anschließend gingen wir einmal durch die Markthalle, um uns aufzuwärmen.
So langsam wurde es für drei von uns Zeit für den rund 1.000 Jahre alten und 48 m hohen „Tour Charlemagne“, der bis zur Französischen Revolution vor gut 200 Jahren Teil einer riesigen, nicht mehr existierenden romanischen Kirche war und 1928 teilweise einstürzte. Nach seiner Renovierung gibt es heute einmal pro Woche die Möglichkeit einer einstündigen geführten Turmbesteigung, und wir hatten Glück, dass dieser Termin samstags um 11.30 Uhr genau in unseren Zeitplan passte.

Nach und nach versammelte sich unsere Gruppe, und schnell stellten wir fest, dass die sehr redselige Stadtführerin in ihrem Job voll aufging – es war schon weit nach 12 Uhr, als sie endlich ihren Monolog beendete und Anstalten machte, mit der eigentlichen Turmbesteigung über 248 Stufen auf engen Wendeltreppen zu beginnen.

Oben angekommen, schien sogar kurz die Sonne. In der Bildmitte sieht man die „Pont Wilson“, die älteste Loire-Brücke von Tours.

Von oben ist der „Place Plumereau“ im Gewirr der Altstadtdächer fast nicht zu entdecken.

Nach dem Abstieg wurde es höchste Zeit zum Mittagessen. Diesmal hatten wir in einem anderen kleinen Restaurant namens „La Plume Blanche“ reserviert, und auch hier war die französische Küche hervorragend. Gestärkt machten wir uns als nächstes auf den kurzen Weg zur Basilika Saint-Martin, direkt gegenüber vom Tour Charlemagne.

Die ist neuer, als sie aussieht, und wurde erst 1925 fertiggestellt. Von innen wirkt sie recht nüchtern und kühl.

Auf dem Weg zur Kathedrale von Tours kamen wir am „Hôtel Goüin“ mit seiner schönen Fassade vorbei, einem ehemaligen Herrenhaus aus dem 15. Jahrhundert, in dem heute wechselnde Kunstausstellungen gezeigt werden. Da der Eintritt kostenlos war, wärmten wir uns auch hier für ein paar Minuten auf.

Schon die Fassade der im 13. bis 16. Jahrhundert erbauten gotischen Kathedrale Saint-Gatien beeindruckt durch ihre Ausmaße und die vielen verspielten Details. Im Innern fallen vor allem die Raumhöhe und die einzigartigen Buntglasfenster ins Auge.
Direkt neben der Kathedrale, im Garten des Museums der schönen Künste, steht diese riesige, über 220 Jahre alte und 31 m hohe Libanon-Zeder:

Nach so viel Kultur ging es zurück zum Bulli und in unser Hotel, wo die Zeit noch für einen heißen Kakao in der Hotelbar reichte. Dabei konnten wir uns die Spielerinnen des HSG-Gegners schon mal aus der Nähe ansehen, denn Chambray Touraine Handball machte die Abschlussbesprechung vor dem Spiel im Konferenzraum unseres Hotels! Rechtzeitig vor Spielbeginn um 20 Uhr fuhren wir mit dem Bulli und zwei großen Trommeln im Gepäck zur nahegelegenen Sporthalle „Gymnase de la Fontaine Blanche“ in Chambray-les-Tours. Die Halle, die zuvor nur an einer Längsseite eine Tribüne besaß, war 2020/21 für 3,2 Mio. € mit einer neuen Westtribüne mit 332 Sitz- und 175 Stehplätzen auf eine Gesamtkapazität von 1.132 Zuschauern erweitert worden, also ein ganz ähnlicher Umbau wie der an der Ulmenallee vor einigen Jahren. Obwohl die Halle – anders als in Blomberg – nicht als Schulsporthalle genutzt wird, wurde dieser Umbau komplett von Stadt, Region und Département bezahlt, ohne jede Kostenbeteiligung des Vereins Chambray Touraine Handball. Man staunt, was woanders so alles möglich ist …

Da es diesmal keinen ausgewiesenen Tribünenbereich für Gästefans gab, hatten wir uns vorab auf der „alten“ Osttribüne in maximaler Entfernung zu den „Ultras“ der Heimfans fünf Plätze in Reihe eins gebucht – wie sich herausstellte, direkt neben dem VIP-Bereich. Anders als die HSG hatte Chambray Touraine Handball noch – wenn auch geringe – Chancen auf den Viertelfinaleinzug. Davon war aber wenig zu spüren: Von Beginn an lag Blomberg vorn, und die Heimmannschaft schien davon sichtlich überrascht zu sein. Zur Pause führte die HSG bereits komfortabel mit 17:12. Wie schon in Dijon sorgten auch in Chambray meist jugendliche „Ultras“ mit Megafonen und Fangesängen für eine Geräuschkulisse wie im Fußballstadion. Sie ließen sich selbst vom zwischenzeitlichen Zehn-Tore-Rückstand ihres Teams beim 13:23 nach 40 Minuten nicht irritieren. Auch wenn Chambray danach noch einmal bis auf vier Tore herankam, stand am Ende ein ungefährdeter und hochverdienter 27:31-Auswärtssieg der HSG – der erste Sieg in der Gruppenphase, wodurch man nicht nur mit den Französinnen punktgleich war, sondern auch den direkten Vergleich mit ihnen gewonnen hatte. Da schmeckte uns der Rotwein danach an der Hotelbar doch gleich doppelt gut …
Der Blick aus dem Fenster am Sonntagmorgen ergab, dass uns über Nacht auch hier der Winter eingeholt hatte.

Somit war ausgerechnet unsere Tour in den hohen Norden nach Island im November 2025 die einzige EHF-Auswärtsfahrt in dieser Saison, auf der uns der Schnee verschont hatte. Für den Rückweg nahmen wir die rund 120 km kürzere Route über Paris und Belgien, wobei uns bis Paris die noch nicht vom Neuschnee geräumte Autobahn etwas ausbremste. Danach ging es aber zügig voran, und schon vor 20 Uhr kamen wir nach einer sehr schönen Dreitagesfahrt zeitgleich mit dem HSG-Team wieder in Blomberg an. Anders als in der letzten Saison war die Fanbase 2025/26 bei allen vier EHF-Auswärtsspielen in Island, Ungarn, Dänemark und Frankreich dabei – und durch die inzwischen sichere Qualifikation für die Playoffs in der Meisterschaft dürfte für uns auch in der kommenden Spielzeit wieder die eine oder andere Auslandsreise auf dem Programm stehen!


